Adalbert Riehl

Das Zisterzienserinnenstift Niederschönenfeld – Geschichte und Bedeutung

· Adalbert Riehl
Das Zisterzienserinnenstift Niederschönenfeld – Geschichte und Bedeutung

Wer heute durch die flache Donau-Ries-Landschaft zwischen Rain am Lech und Donauwörth fährt, passiert in Niederschönenfeld ein altes Klostergebäude, das heute als Justizvollzugsanstalt genutzt wird. Hinter dieser nüchternen Gegenwart verbirgt sich eine über sechs Jahrhunderte währende Geschichte eines der bedeutendsten Zisterzienserinnenklöster Bayerns – eine Geschichte, die eng mit der Region des unteren Lechrains verwoben ist.

Gründung durch Graf Berthold III. von Graisbach

Die Anfänge des Stifts reichen in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Als Gründer gilt Graf Berthold III. von Lechsgemünd-Graisbach, der um 1240 eine Gemeinschaft frommer Frauen – Beginen aus Burgheim – an den Ort berief, der in alten Urkunden als „schoenenveldt" bezeichnet wird. Diese Frauen nahmen die Regel des Zisterzienserordens an und legten damit den Grundstein für das Konventleben in Niederschönenfeld.

Am 9. Januar 1241 bestätigte der Augsburger Bischof Siboto die neue Stiftung offiziell. 1254 folgte die päpstliche Anerkennung und die förmliche Aufnahme in den Zisterzienserorden – ein Orden, der zunächst gezögert hatte, Frauenkonvente unter sein Dach zu nehmen, dessen Generalkapitel aber ab dem frühen 13. Jahrhundert zunehmend Frauenklöster integrierte.

Die Legende von der Gründung

Wie bei vielen mittelalterlichen Klostergründungen rankt sich auch um Niederschönenfeld eine fromme Legende. Graf Berthold soll seine spätere Gattin Adelheid, einer Tochter aus dem Haus Lusignan auf Zypern, auf einem Kreuzzug entführt haben. Als Sühne für diese Tat habe ihm die Jungfrau Maria im Traum den Ort gezeigt, an dem er das Kloster erbauen solle – gegenüber seiner Burg, im „schönen Feld". Ob Legende oder nicht: Sie spiegelt die tiefe religiöse Überzeugung wider, mit der adelige Stifter jener Zeit ihre Klostergründungen legitimierten.

Aufstieg zu wirtschaftlicher Bedeutung

In den folgenden Jahrzehnten wuchs das Kloster zu einer der einflussreichsten geistlichen Institutionen der Region. Als 1342 die Grafschaft Graisbach an Bayern fiel, gelangte Niederschönenfeld unter die Schirmherrschaft von Kaiser Ludwig dem Bayern – ein Umstand, der dem Konvent weiteren Auftrieb gab.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts galt das Stift als das viertreichste Kloster Bayerns, übertroffen nur von Kaisheim, Tegernsee und Benediktbeuern. Ausgedehnte Landgüter in der näheren Umgebung, Fischrechte, Mühlen und Grundbesitz in zahlreichen Dörfern des Lechrains bildeten die wirtschaftliche Basis. Das Haus der Bayerischen Geschichte dokumentiert diese Entwicklung im Rahmen seiner umfassenden Darstellung der Klöster in Bayern.

Diese wirtschaftliche Stärke der Klöster war typisch für die Zeit: Über die Hälfte des gesamten bayerischen Grundbesitzes befand sich Mitte des 18. Jahrhunderts in kirchlicher Hand – und löste damit immer wieder Begehrlichkeiten beim weltlichen Adel aus.

Verwüstung im Dreißigjährigen Krieg

Den schwersten Einschnitt in der Klostergeschichte brachte der Dreißigjährige Krieg. Im Jahr 1631 verschanzten sich Herzog Maximilian von Bayern und sein Feldmarschall Tilly im Bereich des Klosters am unteren Lechrain, als die schwedischen Truppen unter König Gustav Adolf auf die Region zumarschierten. Im April 1632 – während der Schlacht bei Rain, die das schwedische Heer gewann – musste der Konvent fliehen und fand zunächst Zuflucht in Raitenhaslach.

Die Klostergebäude wurden zerstört, der Besitz geplündert. Als die feindlichen Truppen erneut anrückten, löste sich der Konvent zeitweise vollständig auf. Es war eine der dunkelsten Stunden in der Geschichte des Stifts.

Wiederaufbau unter Äbtissin Euphemia Vatiga

Der Wiederaufbau gelang erst nach dem Westfälischen Frieden. Unter Äbtissin Maria Euphemia Vatiga von Kronburg, die von 1657 bis 1702 amtierte, entstanden die Klostergebäude neu. Die Kirche wurde am 12. September 1662 geweiht, der gesamte Konventbau bis 1674 fertiggestellt. Die Äbtissin, die dieses Werk mit Unterstützung des bayerischen Kurfürsten vollendete, gilt in der Überlieferung als „zweite Gründerin" des Klosters.

Säkularisation und das Ende des Konvents

Das Ende kam mit der Säkularisation. Am 18. März 1803 wurde Niederschönenfeld – wie Hunderte andere bayerische Klöster – im Zuge der von Maximilian von Montgelas vorangetriebenen Säkularisation in Bayern aufgehoben. Den Nonnen wurden Wohnrecht auf Lebenszeit und eine staatliche Pension zugesichert; der gesamte Klosterbesitz fiel dem Staat zu.

1849 zog in die Gebäude eine Strafanstalt ein. Seit 1990 wird der Komplex als Jugendstrafanstalt genutzt – eine Nutzung, die bis heute anhält und dem Ort ein eigentümliches Fortleben in der bayerischen Verwaltungsgeschichte sichert.

Bedeutung für die Lechrain-Region

Für die Dörfer und Märkte entlang des unteren Lechrains war das Zisterzienserinnenstift über Jahrhunderte eine prägende Größe. Als Grundherr, Arbeitgeber und geistliches Zentrum beeinflusste es die Lebenswirklichkeit der Menschen in Bayerdilling, Wächtering, Rain und den umliegenden Ortschaften nachhaltig. Klöster wie Niederschönenfeld fungierten als Kulturträger, Bildungsstätten und wirtschaftliche Motoren – eine Rolle, die in der lokalen Überlieferung oft unterschätzt wird.

Wer die Geschichte des unteren Lechrains verstehen will, kommt an diesem Stift nicht vorbei. Das GenWiki-Portal hält für genealogische Forschungen im Raum Niederschönenfeld ergänzende Quellen bereit, die auch für die Familiengeschichtsforschung in der weiteren Region wertvoll sind.

Die Klosterkirche Mariä Himmelfahrt, ein barocker Nachfolgebau des im Krieg zerstörten Gotteshauses, steht noch heute und erinnert als sichtbares Zeugnis an jene Jahrhunderte, in denen das Zisterzienserinnenstift Niederschönenfeld das geistliche und weltliche Leben am Lechrain mitgeformt hat.