Adalbert Riehl

Sakralbauten und Kirchengeschichte – Die religiösen Gebäude in Bayerdilling und Wächtering

· Adalbert Riehl
Sakralbauten und Kirchengeschichte – Die religiösen Gebäude in Bayerdilling und Wächtering

Wer durch die flache Schotterterrasse des unteren Lechrains fährt, begegnet ihnen unweigerlich: den Kirchtürmen, die über Felder und Dorfgassen ragen und dem Blick eine Richtung geben. In Bayerdilling und Wächtering, zwei Dörfer, die seit Jahrhunderten in enger geschichtlicher Verbindung stehen, spiegeln die erhaltenen Sakralbauten nahezu die gesamte Entwicklungsgeschichte der Region wider – von hochmittelalterlichen Anfängen über die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges bis zur nachbarocken Erneuerung des 18. Jahrhunderts.

St. Michael in Bayerdilling – Zwischen Spätgotik und Barock

Ursprünge und frühe Kirchengeschichte

Bayerdilling war von alters her eine eigenständige Pfarrei. Eine Kirche, die dem Erzengel Michael geweiht war, bestand hier bereits, bevor der Ort überhaupt in einer Urkunde schriftlich greifbar wurde. Der Name des Schutzpatrons ist bezeichnend: Michaelskirchen wurden im frühen Mittelalter oft an topographisch exponierten oder symbolisch bedeutsamen Stellen errichtet, und die Wahl des Erzengels als Kirchenpatron verweist auf eine frühmittelalterliche, möglicherweise noch in die Karolingerzeit zurückreichende Gründungstradition.

Erstmals urkundlich fassbar wird das Dorf 1147, als ein Fridericus de Tylingen in einer Urkunde des Klosters Indersdorf erscheint. Die Kirche selbst tritt 1257 in ein dichter beleuchtetes Licht der Geschichte: Herzog Ludwig II., genannt der Strenge, schenkte in jenem Jahr das Patronat und die Einkünfte der Kirche zu Bayerdilling dem Zisterzienserinnenkloster Niederschönenfeld – einem erst kurz zuvor, um 1240/41, gegründeten Frauenkloster im Auetal. Damit verlor die Pfarrei ihre unmittelbare bischöfliche Einbindung und geriet unter klösterlichen Einfluss, der das kirchliche Leben des Dorfes über Jahrhunderte prägen sollte.

Zerstörung und Wiederaufbau

Was der Dreißigjährige Krieg anrichten konnte, zeigt Bayerdilling in aller Deutlichkeit. Die Jahre 1632 sowie 1646 bis 1648 hinterließen das Dorf weitgehend in Schutt und Asche. Bevölkerung, Höfe und kirchliche Strukturen erholten sich nur langsam. Dass der Kirchenbau die Kriegsjahre in irgendeiner Form überdauerte, ist bemerkenswert – doch ein weiterer Schlag folgte kaum zwei Generationen später.

Im Sommer 1704, auf dem Höhepunkt des Spanischen Erbfolgekrieges, brannten Schiff und Turm der Kirche nieder. Pfarrhof und viele Anwesen im Dorf wurden ebenfalls ein Raub der Flammen. Was blieb, war der spätgotische Chor – er überstand die Zerstörungen und bildet bis heute den ältesten erhaltenen Bauteil der Kirche.

Der Wiederaufbau des Kirchenschiffs erfolgte 1747 und zeigt die gestalterische Handschrift des Bayerischen Barock: verhältnismäßig schlichter Außenbau, doch innen auf helle, stuckverzierte Raumwirkung ausgerichtet. Die typische Zwiebelhaubentradition, wie sie im süddeutschen Raum für Dorftürme charakteristisch ist, setzte sich fort. Der Kirchturm selbst wurde 1874 erneuert und erhielt dabei jene Form, die das Ortsbild von Bayerdilling bis heute prägt.

Bauliche Beschreibung

Das heutige Gotteshaus St. Michael ist ein Mischbau, an dem verschiedene Jahrhunderte ablesbar sind: Der Chor trägt noch die Formen der Spätgotik, während das Langhaus vollständig dem Wiederaufbau von 1747 entstammt. Der Turm ist das jüngste Element. Diese schichtweise Überlieferung macht das Gebäude zu einem baugeschichtlichen Dokument, das den Wissensdurst des Ortshistorikers ebenso bedient wie das ästhetische Erleben des Besuchers.

Die Alban-Kapelle in Wächtering

Ein Filialkirchlein mit altem Kern

Das Nachbardorf Wächtering, das zehn Kilometer südöstlich von Rain im Tal der Kleinen Paar liegt, gehörte kirchlich von jeher zur Pfarrei St. Michael in Bayerdilling. Eine eigene Pfarrerhebung blieb dem kleineren Dorf versagt; die gottesdienstliche Versorgung erfolgte über die Mutterkirche in Bayerdilling, während Wächtering selbst eine Filialkapelle besaß.

Diese Kapelle ist dem heiligen Albanus geweiht – einem Märtyrer, dessen Verehrung im süddeutschen Raum zwar weniger verbreitet ist als die der großen Volksheiligen Leonhard oder Georg, der aber in einzelnen Landgemeinden eine beständige Anhängerschar fand. Der Grundstock des Turmes lässt sich auf etwa 1400 datieren und zählt damit zum ältesten noch sichtbaren Baubestand der gesamten Pfarreiengemeinschaft. Das Turmachteck und die Turmspitze hingegen entstammen dem späten 17. Jahrhundert, während das eigentliche Kirchenschiff erst 1872 neu errichtet wurde. Das Gebäude vereint also drei unterschiedliche Bauphasen in sich: einen spätmittelalterlichen Turmsockel, eine frühneuzeitliche Turmbekrönung und ein neugotisches Langhaus des 19. Jahrhunderts.

Die Leonhardskapelle in Nördling

Im Umfeld von Wächtering findet sich noch ein weiteres bemerkenswertes Zeugnis der Volksfrömmigkeit: eine Wallfahrtskapelle, die dem heiligen Leonhard geweiht ist und zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Der heilige Leonhard galt im bayerischen Bauernland als Schutzpatron des Viehs, und Leonhardskapellen entstanden zumeist an den Rändern von Fluren und Wegen, wo die landwirtschaftliche Arbeit besonders spürbar war. Ihre Existenz erinnert daran, dass religiöses Leben im ländlichen Bayern nicht auf Pfarr- und Filialkirchen beschränkt war, sondern sich in einer Vielzahl kleinerer, dezentraler Andachtsorte äußerte.

Denkmalpflegerische Einordnung

Die Sakralbauten von Bayerdilling und Wächtering sind Teil jenes reichen Erbes, das das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege systematisch erfasst und schützt. Von den rund 1.880 Kirchen Bayerns steht bereits ein beträchtlicher Teil unter Schutz – und auch die kleinen Dorfkirchen des Lechrains fallen in diesen Zuständigkeitsbereich. Für die historische Forschung sind besonders jene Bauteile von Interesse, die Kriegszerstörungen überdauert haben: der gotische Chor in Bayerdilling und der mittelalterliche Turmsockel in Wächtering gehören zu den wenigen materiellen Zeugnissen einer Epoche, die in der schriftlichen Überlieferung kleiner Landgemeinden oft nur lückenhaft dokumentiert ist.

Die kunsthistorische Bedeutung dieser Bauten liegt weniger in ihrer Monumentalität als in ihrer Authentizität. Sie sind keine repräsentativen Fürstenkirchen, sondern bescheidene, funktionale Landkirchen, die durch Jahrhunderte des Gebrauchs, der Not und des Wiederaufbaus geprägt wurden. Gerade deshalb lassen sie sich als bauliche Chroniken lesen – Schichten von Geschichte, aufgetragen Stein für Stein.