Adalbert Riehl

Die Freiwillige Feuerwehr Wächtering – Kurze Geschichte

· Adalbert Riehl
Die Freiwillige Feuerwehr Wächtering – Kurze Geschichte

Wer durch Wächtering fährt, sieht auf den ersten Blick nur ein ruhiges Dorf im unteren Lechrain: ein paar Gehöfte, Felder, der weite Horizont der Aindlinger Terrassentreppe. Doch hinter dieser ländlichen Stille steckt eine lebendige Vereinsgeschichte – und das Feuerwehrhaus zeugt davon, dass Gemeinschaft hier seit weit über hundert Jahren buchstäblich ernst genommen wird. Die Freiwillige Feuerwehr Wächtering wurde 1893 gegründet und ist damit einer der ältesten aktiven Vereine im Umland von Rain am Lech.

Die Gründung im Jahr 1893

Am 1. Juli 1893 trafen sich 28 Männer aus dem Dorf und legten den Grundstein für die Freiwillige Feuerwehr Wächtering. Dieser Schritt war kein Zufall, sondern Teil einer breiteren Bewegung, die Bayern in den Jahrzehnten nach 1850 erfasste. Überall im Königreich entstanden freiwillige Brandschutzvereine – getragen vom bürgerlichen Selbstorganisationsgeist, der aus der Revolution von 1848/49 hervorgegangen war. Bis 1866 gab es in Bayern bereits über 160 solcher Wehren; bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sollte nahezu jedes Dorf eine eigene Mannschaft haben.

Einen gesetzlichen Anstoß gab auch das Königlich Bayerische Staatsministerium des Innern, das in einem Erlass der 1880er Jahre anordnete: Wo keine leistungsfähige Freiwillige Feuerwehr besteht, muss der Brandschutz durch eine Pflichtfeuerwehr gewährleistet werden. Für die Bürger Wächteringsgab es also guten Grund, selbst die Initiative zu ergreifen – und das taten sie.

Die 28 Gründungsmitglieder bildeten eine Gemeinschaft, die sich freiwillig und unentgeltlich verpflichtete, Nachbarn, Hof und Dorf im Ernstfall zu verteidigen. Ausrüstung und Ausbildung waren in jenen Jahren noch sehr einfach: Handdruckspritzen, von Menschen- oder Pferdekraft gezogen, waren das Rückgrat des ländlichen Feuerschutzes.

Der erste Einsatz – sechs Jahre nach der Gründung

Sechs Jahre lang blieb die Wächteringer Wehr von größeren Brandkatastrophen verschont. Dann, am Nachmittag des 3. Juni 1899, rief ein Alarm die Männer erstmals zu einem echten Einsatz: Die Scheune des Hauserhofer stand in Flammen. Dieser Brand war der erste Ernstfall, den die junge Feuerwehr zu bewältigen hatte – und er verdeutlichte auf brutale Weise, was in einem Dorf aus Holz und Stroh auf dem Spiel stand. Ein Scheunen- oder Stallbrand konnte sich in Minuten auf benachbarte Gebäude ausbreiten; schnelles und koordiniertes Handeln war überlebenswichtig.

Dass der erste Einsatz gut sechs Jahre nach der Gründung stattfand, spricht nicht für Untätigkeit, sondern für die Arbeit, die in den Aufbau geflossen war: regelmäßige Übungen, Gerätepflege, das Einüben von Kommandowegen. Die Abwesenheit großer Brände in der Anfangsphase war ein Glück, keine Selbstverständlichkeit.

Zwischen den Weltkriegen: Sechs Brandfälle in zwei Jahren

Die Zwischenkriegszeit brachte für viele Dörfer wirtschaftliche Not und soziale Erschütterungen. Für die Feuerwehr Wächtering sind aus dem Zeitraum zwischen 1929 und 1931 gleich sechs Brandfälle dokumentiert – eine ungewöhnliche Häufung für ein kleines Dorf. Ob dahinter Nachlässigkeit, wirtschaftliche Verzweiflung oder schlichtes Pech steckte, lässt sich heute nicht mehr abschließend klären. Sicher ist: Die Mannschaft wurde in diesen Jahren auf eine harte Probe gestellt und bestand sie.

Auf nationaler Ebene war die Zeit des Nationalsozialismus für das Feuerwehrwesen einschneidend. Der Landesfeuerwehrverband Bayern, 1868 von Ludwig Jung gegründet, wurde mit dem Reichsfeuerwehrgesetz von 1938 faktisch aufgelöst und in eine Reichsorganisation eingegliedert. Erst 1993 wurde der Verband in Gunzenhausen neu gegründet.

Ein Verein als Rückgrat des Dorfes

Es wäre verkürzt, die Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr Wächtering allein unter dem Gesichtspunkt der Brandbekämpfung zu betrachten. Wie bei den meisten Dorfwehren in Bayern war die Feuerwehr immer auch sozialer Anker: Hier fanden Männer Generationen übergreifend Kameradschaft, hier wurden Feste gefeiert, Jugendliche ausgebildet, Traditionen gepflegt.

Wächtering selbst – im Mittelalter geprägt von den Grafen von Scheyern und dem Kloster Niederschönenfeld, 1975 schließlich in die Stadt Rain am Lech eingemeindet – war und ist ein kleines Dorf mit unter 200 Einwohnern. Für eine Gemeinschaft dieser Größe ist ein Verein mit Jahrzehnten Geschichte keine Selbstverständlichkeit; er muss aktiv getragen werden.

Das 125-jährige Jubiläum und die Gegenwart

Im Jahr 2018 beging die Freiwillige Feuerwehr Wächtering ihr 125-jähriges Gründungsjubiläum – ein bemerkenswertes Datum, das gleichzeitig Rückschau und Verpflichtung bedeutete. Inzwischen ist die Wächteringer Wehr als Stadtteilwehr in das Netz der städtischen Feuerwehren von Rain am Lech eingebunden.

Das Bayerische Staatsministerium des Innern betont heute, dass das Ehrenamt im Brandschutz unverzichtbar bleibt: Bayern stützt sich auf über 327.000 aktive Feuerwehrleute, von denen die große Mehrheit unentgeltlich tätig ist. Wächtering steht exemplarisch für genau dieses Prinzip – eine Handvoll Männer, die sich 1893 zusammenfanden, und eine Tradition, die bis heute lebt.

Feuerwehrgeschichte als Teil der Dorfgeschichte

Die Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr Wächtering lässt sich nicht losgelöst von der Geschichte des Dorfes selbst verstehen. Adalbert Riehls Ortschronik Bayerdilling und Wächtering – Geschichte zweier Dörfer am unteren Lechrain (1998) hat diese Zusammenhänge eindrücklich dokumentiert: Vereine, Höfe, Familien und Institutionen sind in kleinen Gemeinden untrennbar miteinander verwoben.

Wer sich für die Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr in Bayern interessiert, stößt immer wieder auf dieses Muster: Gründung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erste Jahrzehnte des Aufbaus und der Bewährung, Brüche durch Kriege und politische Umbrüche, schließlich die Konsolidierung im modernen Verbundwesen. In Wächtering vollzog sich diese Entwicklung in kleinem, aber deutlich lesbarem Maßstab.