Adalbert Riehl

Außergewöhnliche Familien aus Bayerdilling – Der Soldaten-Kaindl

· Adalbert Riehl
Außergewöhnliche Familien aus Bayerdilling – Der Soldaten-Kaindl

Manche Dorfgeschichten wären unvollständig, würde man sich allein auf Äcker, Hofstellen und Kirchenbücher beschränken. Es sind die Menschen, die einem Ort seine Seele geben – und manchmal ragen einzelne Familien so weit über den engen Rahmen des Dorflebens hinaus, dass ihre Spuren bis in entfernte Städte und sogar in die Kunstgeschichte führen. Die Familie Kaindl aus Bayerdilling ist ein solches Beispiel.

Die Kaindls – eine Familie am unteren Lechrain

Im Umfeld der kleinen Gemeinden Bayerdilling und Wächtering, jener beschaulichen Dörfer südlich von Rain am Lech, lebten und arbeiteten über Generationen hinweg Familien, deren Namen man heute kaum mehr kennt. Der Lechrain – jene kulturell und geographisch eigenständige Landschaft entlang des Lech zwischen Augsburg und dem Alpenvorland – war nie eine Region großer Herren, sondern eine der kleinen Leute: Bauern, Handwerker, Söldner im ältesten Wortsinn, gelegentlich auch ein Kunsthandwerker oder Schulmeister.

Aus diesem Milieu stammten die Kaindls. Wie so viele Familien dieser Gegend, hatten auch sie keine Chroniken hinterlassen, kein Wappen, keinen schriftlichen Nachruhm. Was von ihnen geblieben ist, findet sich in Taufregistern, Heiratsbüchern und den mündlichen Überlieferungen, die Adalbert Riehl für seine Dorfchronik Bayerdilling und Wächtering aufgezeichnet hat. Doch ein Mitglied dieser Familie schaffte es weit über die Grenzen des Lechrain hinaus.

Anton Kaindl – vom Dorf in die Münchner Kunstakademie

Anton Kaindl, geboren am 5. April 1849 in München, war der Sohn eines Schachtel- und Klaviermachers – ein Handwerk, das Sorgfalt und Formgefühl verlangte. Sein Vater Anton Kaindl senior und seine Mutter Sophie Silbernagel stammten aus dem bäuerlich-handwerklichen Umfeld, wie es für die Lechrainer Herkunftsfamilien typisch war. Der junge Anton jedoch drängte in eine andere Richtung.

Nach seiner Schulausbildung studierte er Bildhauerei an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in München – einer Institution, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den bedeutendsten künstlerischen Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum zählte. Die Münchner Kunstwelt dieser Jahrzehnte war lebendig und international: Maler, Bildhauer und Architekten aus ganz Europa kamen in die bayerische Hauptstadt, und wer dort Fuß fasste, hatte reale Chancen auf öffentliche Aufträge.

Kaindl fasste Fuß.

Der „Soldaten-Kaindl" und seine Kriegerdenkmäler

Um die Jahrhundertwende entstand in Bayern wie im gesamten Deutschen Reich ein enormer Bedarf an Kriegerdenkmälern. Die Kriege von 1866 (Deutscher Krieg) und 1870/71 hatten Tausende junger Männer das Leben gekostet – auch aus kleinen Dörfern wie Bayerdilling. Gemeinden, Kriegerveteranen-Vereine und Kirchengemeinden wollten den Gefallenen ein würdiges Denkmal setzen, und so entstand eine regelrechte Nachfrage nach Bildhauern, die soldatische Motive beherrschten.

Anton Kaindl wurde zu einem der gefragtesten Spezialisten auf diesem Gebiet. Er schuf zahlreiche Kriegerdenkmäler in der Münchner Region und darüber hinaus – stets mit einer Mischung aus handwerklicher Präzision und volkstümlicher Würde, die seinen Arbeiten eigen war. Sein bekanntestes Werk am Rotkreuzplatz in München sowie Denkmäler in Kolbermoor gehören zu seinen erhaltenen Hinterlassenschaften.

Der Volksmund verlieh ihm dafür einen Spitznamen, der ihm für den Rest seines Lebens anhaftete: den Soldaten-Kaindl. Es war keine amtliche Bezeichnung, kein Titel – aber eine Form der volkstümlichen Anerkennung, die in Bayern oft mehr wert ist als eine offizielle Ehrung. Wer im 19. Jahrhundert einen Beinamen bekam, der hatte sich einen Namen gemacht.

Das Schmied-von-Kochel-Denkmal

Besonders bekannt wurde Kaindl auch durch das Denkmal für den legendären Schmied von Kochel in Kochel am See – jener sagenumwobenen Gestalt, die im Volksaufstand von 1705 gegen die österreichische Besatzung eine Rolle gespielt haben soll. Dieses Werk verbindet Kaindls handwerkliches Können mit einem tief bayerischen Stoff: dem trotzigen Freiheitswillen der kleinen Leute. Kein Zufall, dass einem Mann aus Lechrainer Herkunft genau diese Symbolik gelang.

Ein Tod auf dem Berg

Am 20. Juli 1922 starb Anton Kaindl beim Aufstieg zur Benediktenwand – jenem Gipfel des Bayerischen Voralpenlands, der ihn zeitlebens angezogen hatte. Ein Herzanfall auf dem Berg, den er liebte. Er wurde auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt.

Es ist kein großer Tod, wie man ihn sich für einen berühmten Bildhauer vorstellen mag. Aber es ist ein bezeichnend bayerischer Tod: draußen, in den Bergen, fern vom Atelier.

Was die Lokalgeschichte bewahrt

Für Bayerdilling und den Lechrain ist die Geschichte der Familie Kaindl mehr als eine biographische Fußnote. Sie steht exemplarisch für das Schicksal vieler Familien dieser Region: bäuerliche Wurzeln, Aufstieg durch Ausbildung und Fleiß, und ein Talent, das in der Großstadt seine Form fand – ohne die Herkunft zu verleugnen.

Die Dorfchroniken des Lechrain, wie jene von Adalbert Riehl, sind oft die einzigen Orte, an denen solche Verbindungen noch nachvollziehbar sind. Die offiziellen Kunstgeschichten verzeichnen Anton Kaindl als Münchner Bildhauer. Die Lokalgeschichte erinnert sich an die Familie, die ihn hervorgebracht hat.

Wer die Geschichte des Lechrain besser verstehen möchte, findet in der wissenschaftlichen Heimatkunde – etwa in Werken wie Der Lechrain: Eine historische Heimatkunde von Pankraz Fried und Peter Fassl – wertvolle Einordnungen. Das Historische Lexikon Bayerns bietet darüber hinaus einen zuverlässigen Zugang zu kunsthistorischen und regionalgeschichtlichen Themen dieser Epoche.

Die kleinen Dörfer am unteren Lechrain haben mehr hervorgebracht, als ihre bescheidene Größe vermuten lässt.